Spaghetti bolognese

Christian sagte mir, ich sollte mit meinem Blog etwas wirklich nützliches machen. Etwas, das ich gut kann, etwas, das mir liegt, etwas, das die Welt bereichert: Motzen. Über Dinge schreiben, die ich scheiße finde. Davon gäbe es ja schließlich genug, meinte er. Das ist leider wahr.

Am Donnerstag war ich einkaufen. Nicht, dass es von Belang wäre, aber ich wollte Spaghetti machen. Dafür braucht man natürlich frisches Hackfleisch und passierte Tomaten und sowas – also bin ich ins Einkaufszentrum gefahren. In den Supermarkt rein, mit Kopfhörern auf, Musik recht laut*, man muss sich ja irgendwie vor dem dummen Gequatsche der anderen Kunden schützen. Im Gang mit den Nudeln übertönte dann ein kleines Mädchen von vielleicht drei oder vier Jahren meine Kopfhörer – es weinte und schrie offensichtlich nach seiner Mutter. Ich guckte mich um. Links keine Mutter, rechts keine Mutter. Okay. Mit der einen Hand fischte ich die Spaghetti aus dem Regal, mit der anderen Hand nahm ich die Kopfhörer ab.
„Hey, ist alles okay?“

Das Mädchen antwortete nicht. (Ja, ich weiß, story of my life, aber das ist ein anderes Thema.) Stattdessen guckte sie mich ängstlich an, drehte sich um und lief den Gang entlang. Da ich nicht komplett teilnahmslos und abgestumpft bin, ging ich dem Mädchen hinterher. (Ja, auch das gehört zur story of my life, ist aber immer noch ein anderes Thema.)

Am Ende des Ganges kam mir eine Familie entgegen, eine Frau schob den Einkaufswagen, ein Mann lief nebenher, ein Junge, der etwa so alt wie das Mädchen gewesen sein dürfte, vielleicht etwas älter, kreiste um das Gespann. Das Mädchen stellte sich dazu und hörte auf zu heulen. Mama gefunden, alles gut, dachte ich mir. Ich steckte passierte Tomaten in den Rucksack und beobachtete, wie die Familie weiterzog – das Mädchen blieb wieder zurück. Erneut nahm ich die Kopfhörer ab.
„Entschuldigung? Ist das ihr Kind?“
Die Frau lacht. „Nein, das ist nicht meins.“

Wie lustig. Ich drehte mich wieder zu der Kleinen um, die gerade wieder in einem Gang verschwand. Diesmal lief ich direkt hinterher. Am Ende des Ganges stand ein Junge, der das Mädchen in den Arm nahm und hochhob. Dann ging er nach rechts weiter, das Mädchen nach links weiter und ich eilte hinterher. Jetzt reichts aber. Ich spurtete also um die Kurve, dem Mädchen hinterher und sah – eine verheulte Frau mit einem Kinderwagen, die das Mädchen in den Arm nahm. Drumherum standen mindestens zehn bis fünfzehn weitere Kunden, alle mit ihrem eigenen Kram beschäftigt. Ich krempelte die rhetorischen Ärmel hoch, um einen kleinen Monolog über Erziehung zu halten.

„Entschuldigung? Ist das ihr Kind?“
Sie reagierte nicht.
„Entschuldigung?“
Sie guckte mich an. Ich zeigte auf das Mädchen.
„Ist das ihr Kind?!“
Die Frau machte ein paar hilflose Gesten und Geräusche. Es dauerte eine Sekunde, bis der Groschen fiel – diese Frau war stumm. Vielleicht sogar taubstumm. Sie hätte nicht nach der Tochter rufen können, niemanden fragen oder um Hilfe bitten können – sie war wirklich hilflos. Vor allem aber wäre mein wütender Monolog an ihr abgeprallt wie ein Ping Pong Ball. Ich nickte ihr zu, lächelte, setzte die Kopfhörer wieder auf und ging.

Was, wenn die Mutter dort nicht gestanden hätte? Das Einkaufszentrum war voll mit Kunden. Familien, Hausfrauen, genervte Berufstätige, die kurz vor Ladenschluss noch einkaufen, Mitarbeiter, Jugendliche, die sich für ihr Wochenendbesäufnis eindecken. Aber keiner von diesen gottverdammten Hurensöhnen hatte ein Auge für dieses schreiende kleine Mädchen. Mit Tunnelblick irrte dieses Drecksvolk durch die Regale, nur mit sich selbst beschäftigt. Sie lesen Zeitung, beschweren sich über die miese Rente, gehen brav wählen, werfen an der Kasse die 26 Cent Rückgeld ganz automatisch in die Brot-für-die-Welt-Sammeldose, weil sie so großherzige, soziale Samariter sind. Wow! Helden! Aber niemand von ihnen hatte ein offenes Ohr oder Auge für die weinende Mutter und das schreiende Kind, die sich zwischen den Regalen in der Lebensmittelabteilung verloren hatten.. Eine Frau, selber Mutter, reagiert auf die Frage, ob das ihr Kind sei, mit schallendem Gelächter, dreht sich um und geht einfach weiter. Ich bin sicher auch kein Engel, aber ganz ehrlich:

Wie kann man so behindert sein?


* An dieser Stelle kann ich euch übrigens guten Gewissens das Album von Real Jay ans Herz legen.

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