Cleaning out the closet

„Normalerweise höre ich kein Hiphop, aber was du machst finde ich eigentlich ganz cool.“

Einer der Sätze, die ich in meinem Leben wohl am öftesten gehört habe – neben „Nein, mein neuer Freund ist kein Hurensohn“, „diesmal irrst du dich wirklich“ oder „ich schwör’s dir, das ist der beste Rapper aller Zeiten“. Zwar heißt die Musik nicht „Hiphop“ sondern „Rap“ und der kurze, auswendig gelernte Exkurs über die Unterschiede wäre eigentlich auch mal aufschreibenswürdig, aber das ist heute nicht der Punkt.

Nein, es geht um etwas anderes. Es geht viel mehr um eine spirituelle Reise, um eine Phase der Selbstfindung und der inneren Reife. Wenn Leute an Hiphop denken, die damit nicht aus eigenem Antrieb heraus konfrontiert werden, denken sie zwangsläufig an all die Kleinigkeiten, die durch unsere heißgeliebten Medien geistern – und mal ehrlich: Sie hassen uns deswegen. Das macht einen vorsichtig, wenn man mit Leuten zu tun hat, auf die man tatsächlich wenigstens „einen Fick gibt“, um mal beim Fachjargon zu bleiben.

Als Beispiel erwähne ich da immer gern den Tag, an dem die wundervolle Frau, zu der meine Kinder hoffentlich eines Tages „Mama“ sagen werden, mir ihre Mutter vorstellte. Sie sagte: „Hey, du bist also Chrizzo? Ich hab gehört, du machst Musik? Was denn genau?“ Ich stand da in meiner überweiten Hose und probierte mit Händen und Füßen, unsere Musik zu erklären, ohne die Worte „Rap“ und „Hiphop“ zu benutzen, was für Außenstehende vermutlich sehr unterhaltsam aber wenig aufschlussreich war.

Aber ich bin ja nicht der einzige, der sich schämt. Heute Nachmittag hab ich gelesen, dass das deutsche Privatfernsehen eine TV-Sendung ausgestrahlt hat, bei der ein als verklemmt und intellektuell inszenierter Germanistikstudent innerhalb weniger Tage zum Gangsta-Rapper konvertiert werden sollte. Die verantwortlichen Rap-Coaches waren eine R&B-Sängerin und zwei Rapper, von denen einer noch keinen größeren Erfolg, der andere nichtmal überhaupt einen Tonträger vorzuweisen hatte. Es folgten Impressionen einer Shisha-Bar, blumige Kraftausdrücke, eine kleine Hiphop-Modenschau und als grand finale ein Hairstyling – fertig ist der Hiphopper. Zumindest der Hiphopper, wie die breite Masse ihn kennt, versteht und liebt, weil er eine schöne Zielscheibe für Spott und abfällige Blicke ist.

Der echte Hiphopper schämt sich natürlich. Er distanziert sich davon und er ist mäßig begeistert. Dabei ist das alles eigentlich ziemlich gut für uns. Ganz ehrlich.

Guckt doch mal, wie weit wir es gebracht haben: Seperate will aufhören, SD will aufhören, Manuellsen will aufhören, Eko ist schon wieder gefloppt und free agent, der legendäre Royal Bunker kapituliert vor dem Kapitalismus, auch Optik Records schließt seine Tore, irgendjemand schrie gerade auf, Illo würde auch aufhören – mich wundert es, dass sich niemand freut.

Es ist nicht so, dass ich den Künstlern ihren Erfolg missgönne, beziehungsweise mich an ihrem ausbleibenden Erfolg erfreue. Es ist nur so, dass mir Platten, die einfach nicht gut sind, scheißegal sind. Und davon wurden in den vergangenen Monaten, ach, sagen wir Jahren, einfach riesige Mengen produziert. Die Szene ist zu groß, die Überschussware hat den Markt überflutet, die Ufer zerstört und alle Brücken eingerissen. Der Außenstehende hat keinen Zugang mehr zu Hiphop insgesamt und die Szene selbst spaltete sich in viele kleine Inseln, die zunächst noch autonom agieren konnten. Aber mittlerweile sind die Vorräte aufgebraucht und der Kannibalismus wird zur einzigen Alternative. Nur die harten, die guten, die großen, die interessanten Künstler, die nicht nur von der offengelegten Futterstelle naschen wollen, sondern bereit sind, für ihr Futter zu jagen – bildlich gesprochen – werden diese „Sinnflut“* überleben.

Ich meine – wer Musik machen will, der macht Musik. Ob die nun gut ist oder nicht liegt sowieso im Ohr des Hörers, aber Künstler, deren einzige Motivation es ist, einen schnellen Dollar mit einer schlechten Kopie eines älteren Werkes zu machen, fallen früher oder später zwangsläufig auf die Schnauze. Früher ist jetzt. Oder später. Wie man’s nimmt.

Fakt ist: Hiphop reinigt sich selbst. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Das ist kein Prozess, der über Nacht abläuft, aber er läuft und der aufmerksame Beobachter wird das sicher nicht leugnen. Die Leute, die nicht Musiker sondern Superstars sein, nicht Songs sondern Scheine machen wollten, werfen entnervt das Handtuch, weil es sich einfach nicht mehr lohnt. Oder sie zeigen sich im Fernsehen und verschrecken eine potentielle Kundschaft von Hiphop-Fremden mit Verbalinjurien, ihre eigenen Reihen dagegen mit „sell out“, wie man neudeutsch so sagt.

Ich weiß, wenn wir heute den Fernseher einschalten, sieht das furchtbar dramatisch aus. Aber so schlimm ist das garnicht. Schaut in die Zukunft! In ein paar Monaten, naja, sagen wir ruhig in ein paar Jahren wird das alles ein jähes Ende finden. Kein TRL Urban, keine Votingarmeen, kein Hiphop mehr als vermeintlichen Ausweg aus der Gosse für Jedermann. Denn nur die, die wirklich Spaß daran haben und mit dem Herzen dabei sind, werden die Flut überleben.

Ich bin gespannt, wen von euch ich dann wiedersehe.


* Dies ist keine Anspielung auf das gleichnamige Album von Curse, obwohl es mir persönlich sehr gut gefällt.

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