High noon

Und dann sagen sie mir immer: Boah, Chrizzo, du hast es doch so gut, mit deinen scheiß Studentenproblemen, was weißt du schon vom Leben auf der Straße?

Oh, Junge. Letzte Woche kam ich mit dem Bus von der Uni – ja, ich studiere tatsächlich, uh-uh – und unterhielt mich mit einem ehemaligen Nachbarn, der gerade von der Arbeit kam. Auf der anderen Seite saß ein Pärchen – die sahen beide ein bisschen aus, wie diese schrecklichen Hartz-IV-Empfänger, die den Tag mit Aldi-Bier beginnen und verwahrloste Hunde halten die „Atze“ heißen. Atzen-Uwe und Atzen-Uschi saßen also da und rochen streng, während mein Nachbar und ich über den harten Arbeitsalltag plauderten.

Es war erst etwa 14 Uhr, an der Schule, vor der ich vor 10 Jahren selbst noch Schüler war, war auch gerade Feierabend und ein paar Jungs standen an der Bushaltstelle, vom Übermut des Schulschlusses gezeichnet. Die beiden Jungs, nennen wir sie mal Murat* und Ali**, nur um mehr Klischees zu bedienen, kamen nach hinten im Bus, weil ihr Freund Messut*** dort saß und unterhielten sich lautstark.
„EY!!! MESSUT!!! WAS GEHT???“
„JA MAAAAAAAANN!!!“
Wundervoll.

Uwe und Uschi fühlten sich wohl von der Lebensfreude der jungen Schüler angegriffen. Okay, vielleicht waren die beiden auch einfach vom mangelnden Alkoholpegel frustriert, immerhin war es ja schon nach 12 und sie waren eindeutig nicht besoffen genug, um sich selbst einzunässen und unter einer Haltestellenbank zu schlafen. Also beschloss Uwe, das Zweitbeste zu tun, das ein frustrierter, arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger mit einem halb verbrauchten Tag tun kann: Er suchte Streit.

Als Murat sich an Uwe vorbeiquetschen wollte, um seinen Freund zu begrüßen, stieß er Uwe versehentlich mit der Schultasche in die Seite. Das war die Gelegenheit, auf die Uwe gewartet hat. Er warf dem Jungen einen verärgerten Blick zu und sammelte sein komplettes intellektuelles Potential, um den Jungen in eine Diskussion über Höflichkeit zu verwickeln.
„EYY!!! BISTE BEHINDERT?! KANNSTE NICHT AUFPASSEN?!“

Von der Eloquenz des Gegenübers sichtlich beeindruckt, suchte Murat nach einer passenden Antwort – endlich machte sich der Rhetorikkurs bezahlt.
„WAS MANN?! HAST DU’N PROBLEM?!“
„PASS MAL AUF WO DU HINLÄUFST JUNGE!!!“
„WAS WILLST DU VON MIR?!“
„WILLST DU FRECH WERDEN ODER WAS??? WIR KÖNNEN RAUSGEHEN UND DAS KLÄREN!!!“
„JA, KOMM, LASS UNS RAUSGEHEN!!!“

Nun mischte sich auch Ali in die Diskussion ein, der seinem Freund beipflichtete:
„JA, LASS MIT DEM RAUSGEHEN!!!“

An dieser Stelle wurde die Diskussion unterbrochen, denn die Jungs drehten sich zu mir, als ich aufstand, um auf den roten Knopf zu drücken, der dem Fahrer das Haltesignal gab – wir waren fast bei meiner Haltestelle angekommen. Ich grinste Murat an, in der Hoffnung, die Situation ein wenig aufzulockern.
„Apropos rausgehen… ich muss hier raus. Ist meine Station. Darf ich mal?“

Murat grinste zurück, von der Gesamtsituation sichtlich belustigt, wollte mich vorbeilassen und um ein Haar wäre alles gut gegangen – aber wir hatten die Rechnung ohne Atzen-Uschi gemacht. Die erhoffte Erniedrigung von ein paar Schulkindern mit Migrationshintergrund rückte in weite Ferne, für Atzen-Uschi hieß es: Handeln!
„JAJA!!! SO IST DAS BEI EUCH!!! IMMER MIT DER GRUPPE!!! ALLEINE TRAUT IHR EUCH NIX!!!“

Murat fühlte sich mit einem negativen Vorurteil gegen seine Landsleute konfrontiert und langsam riss sein Geduldsfaden.
„WAS IHR?!?!? WAS HEISST IHR!?!!? WER SIND WIR DENN?!?!? WEIL WIR AUSLÄNDER SIND ODER WAS???“

Ich würde nicht beschwören wollen, wer zuerst handgreiflich wurde, da ich nicht alles sehen konnte. Was ich sah, war dass Atzen-Uwe Murat am Kragen packte und ihn anbrüllte, er solle nicht so frech sein, er würde jetzt mit ihm rausgehen. Ich wollte auch immer noch raus, aber das war jetzt nicht mehr möglich, denn Ali schaltete sofort und half seinem Kollegen, sich loszureißen. Zu zweit traten sie nach dem deutlich unterlegenen Atzen-Uwe, der trotz langjähriger Erfahrung als „Drunken Master“ ziemlich schnell zu Boden ging. Der Busfahrer fuhr rechts ran. Mein Nachbar und ich packten je einen der Jungs und versuchten, sie von Uwe runterzuziehen, aber sie rissen sich los. Beim zweiten Anlauf lösten wir das Menschenknäuel dann auf.
„Jungs, Jungs, JUNGS!!! HÖRT MAL AUF!!!“

Die Jungs drehten sich um und gingen in den vorderen Teil des Busses. Uwe stand auf und hatte bis auf eine kleine Platzwunde im Gesicht nichts abbekommen. Zumindest physisch. Sein Ego muss wohl ziemlich gelitten haben. Oder sein Kopf. Wahrscheinlich beides. Statt endlich Ruhe zu geben, zog Uwe ein Messer aus der Tasche, klappte es auf, versteckte es  hinter seinem Rücken.
„KOMMT DOCH!!! IHR FEIGLINGE!!! JETZT TRAUT IHR EUCH NICHT MEHR WAS???“
„JA!!! FEIGLINGE!!!“ pflichtete Uschi ihm bei.
„EIN MESSER!!! EIN MESSER!!!“ kreischte eine unbeteiligte Mitfahrerin.
„LASS DIE JA NICHT RAUS!!!“ brüllt Uwe dem Busfahrer zu und  tänzelt den Jungs hinterher.

Die Jungs laufen nach vorne, der Busfahrer öffnet die Türen, lässt sie raus und ruft die Polizei. Uschi ruft auch die Polizei.
„Ja, so Türken… ja, ein dicker… Lederjacke… die haben meinen Mann überfallen… ja…“

Die Jungs laufen in Richtung des türkischen Supermarkts bei uns in der Straße, Uschi und Uwe liefen den Jungs hinterher. Ich ging nach vorn, wollte wissen, ob man Zeugenaussagen braucht, aber der Busfahrer wurde angehalten, nicht länger anzuhalten, sondern weiterzufahren. Ich stieg also aus, weils ja meine verfickte Haltestelle war – und musste auch in Richtung Supermarkt. Ich konnte noch von weitem sehen, wie die Jungs die Straßenseite wechselten und aus dem Supermarkt eine kleine Privatarmee aus Verkäufern, Jugendlichen, Männern und Frauen rausstürmte und die beiden Verfolger misstrauisch beobachtete. Die wurden schlagartig langsamer und begannen zu fluchen.
„Jetzt sind die schon zu fünft… ist ja klar… allein trauen die sich nichts…“

Als die Polizei kam, ging ich hin, aber die beachteten mich garnicht, es galt ja schließlich ein paar Kanaken zu verprügeln. Die Polizeistreife nahm die Verfolgung auf, Uwe und Uschi blieben an der Kreuzzung zurück. Uwe steckte sein Messer weg, warf einen bösen Blick auf die Menschenmasse vor dem Supermarkt und morgen früh kann man wieder in der Zeitung lesen: „Gewalttätige Türken verprügeln arbeitslosen Fahrgast“. Es sind einfach immer die anderen.


* Ari, ich hoffe, du nimmst mir das nicht krumm!
** Gigi, ich hoffe, du nimmst mir das auch nicht krumm!
*** Einen Messut kenn ich tatsächlich nicht.

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