Moment of clarity

Hiphop. Ich liebe diesen Scheiß. Wirklich. Der große Zeiger steht genau auf der 8, der kleine Zeiger steht knapp vor der 3. Das Gehör ist völlig gefickt. Alles klingt dumpf und ganz weit entfernt. Als hätte ich Kopfhörer auf. Das schrille Fiepen ist weg und langsam nehm ich wieder Umgebungsgeräusche wahr.

Das fing alles ganz harmlos an. Ich hab mit BeatleJulez geplaudert. BeatleJulez ist die wunderschöne junge Dame, die für die Musik der letzten zwei Songs verantwortlich ist, an denen wir gerade arbeiten. Wir haben ein paar Dinge besprochen, insbesondere hab ich ihr einen Haufen Produktionswünsche zugespielt. Das könnte gut werden. Julez jedenfalls wollte heute mit Liz nach Hamburg. Kamp, Mädness und Morlockk Dilemma sind gerade auf Deutschland-Tour, sie wollte dort hin. Ich gebe zu, ich kannte die alle nur vom Hörensagen, aber ich hatte mal wieder Bock auf ’ne Jam in ’nem dreckigen Kellerloch und dachte: Ich bin dabei. Man ist ja nicht nur Künstler, man ist auch Fan. Und man muss ja auch mal gucken, was die Konkurrenz so macht.

In Bremen beim Saturn noch kurz das neue Album von Lil Wayne eingesackt. Kein Witz. Am Bahnhof noch ’ne Kleinigkeit zu Futtern geangelt. In den Zug, ab in Richtung Hamburg. Im Zug hab ich in der aktuellen Juice gelesen. (Die ihr euch alle allein wegen der unfassbar guten EP von Banjo holen solltet. 5,90. Kommt schon.) Titelthema ist ein Rückblick auf 10 Jahre Deutschrap-Geschichte, genau die 10 Jahre, die ich mehr oder minder aktiv miterleben durfte. Vom großen, durch „Bambule“ angestoßenen Signing-Boom, den gefühlten dreißigtausend Indie-Labels die kamen und gingen. Die Geburtsstunde der großen deutschen MCs, Kool Savas, Azad, Samy Deluxe, Curse und – mit etwas Verspätung – Olli Banjo. Die zweite große Verkaufswelle die Aggro Berlin losgetreten hat. Deutschrap-Dipset, Straßenrap. 10 Jahre Geschichte. Der Artikel war für mich mehr als nur informativ, es war ein Ausflug in meine Vergangenheit, eine Reise durch 10 Jahre Musikgeschichte, eine Reise durch mein eigenes, gottverdammtes Leben. Krass, dass das schon so verdammt lange her ist.

Eine SMS von Liz hat mich plötzlich aus meinem verträumten Erinnerungstrip in die Realität zurückgeholt. Ihr Auto ist Liegengeblieben, sie schafft es leider nicht. Ich pack eilig meinen Kram zusammen und steige in Buchholz aus, Julez holt mich mit dem Auto ab. Unsere Reise führt uns durch dreckige S-Bahnhöfe, wir kaufen Stilecht ’nem wildfremden Mann, der gebrochen Deutsch spricht, ein benutztes, aber noch gültiges Gruppenticket ab. Noch ein Kaffee am Bahnhof, dann gehts weiter zum Kulturhaus III&70.

Der Veranstaltungsort ist genau die Art von gemütlichem Café, ranziger Kneipe und kleinem Musikkeller, die ich mir vorgestellt habe. Wir kommen 40 Minuten zu spät und erfahren, dass die Tür vor 10 Minuten geöffnet wurde. Hiphop halt. Treppe runter, ’n 10er an der Kasse hingelegt und ab vor die Bühne. Ein DJ spielt bereits ’ne feine Auswahl an Hiphop-Tunes, irgendwann gesellen sich drei Rapper dazu, stellen sich als „Seitensprung“ vor und heizen das Publikum an. Nach anfänglichem Zögern geht die Menge mit den drei sympathischen Rappern mit. Zu Recht. Klassischer Boom-Bap, einfallsreiche, witzige Texte – sie erfinden das Rad nicht neu, aber sie bringen den Stein ins Rollen.

Das akustische Chaos, das folgte, als dann die drei Hauptacts der Reihe nach die Bühne okkupierten, lässt sich schwer beschreiben. Die Anlage war zu laut und mies übersteuert. Die Vocals zu leise. Kamp kam verpeilt auf die Bühne, entschuldigte sich fürs Zuspätkommen und legte los. Man verstand nur Wortfetzen. Die Bühnenpräsenz war da, die Publikumsinteraktion hat sehr gut funktioniert, es war irgendwie spaßig, ihm zuzusehen – nur verstehen konnte ich leider kaum etwas. Glücklicherweise wussten ein paar Leute im Publikum die Texte auswendig – die Stimmung war da. Obwohl ich immer noch nicht weiß, ob Kamp nun geil ist, oder nicht. Morlockk erging es ähnlich. Ich hörte sicke Flows. Aber ich konnte kein Wort verstehen. Ein paar Leute drehten durch, einer sprang mit einer Skimaske vor der Bühne herum, Pogo, Randale, Action. Geile Stimmung – aber scheiß Akustik. Bei Mädness wurde es etwas besser. Aber nur etwas. Selbst von den Beats bekam ich nicht viel mit, weil der akustische Brei aus den Boxen einfach zu übersteuert war. Aber die schlechte Akustik und die chaotische Organisation gehört eben genauso zu diesen Kellerkonzerten wie verpeiltes Setups und spontane Gastauftritte. Patrick mit Absicht sprang plötzlich auf die Bühne, Falk Schacht stand an den Turntables – Tumult. Als letzte Nummer spielten Kamp, Morlockk und Mädness einen gemeinsamen Song und drehten nochmal richtig auf. Das Gehör war endgültig gefickt. Alles klang gedämpft, leise, weit entfernt.

Ein Blick auf die Uhr löste Panik aus. 22:57 Uhr. Der letzte Zug nach Bremen sollte um 23:15 Uhr fahren, Julez wollte den nehmen, weil sie ungern die Nacht in Hamburg verbringen wollte. Ich hab zu ihr gesagt: „Alter, das wird nix, die kriegen wir niemals.“ Sie sagte: „Chrizzo, bleib ruhig, das schaffen wir noch, vielleicht hat der Zug ja Verspätung oder so.“ Wir sind zur S-Bahn-Station gelaufen, drei Sationen gefahren, um 23:14 ausgestiegen und dann zum Gleis gerannt. Wer meine Statur und meinen Kleidungsstil kennt, kann sich das Bild sicher vorstellen. Ein Fettsack mit einer flauschigen New Era Cap rennt quer über den Bahnhof, hetzt im Passanten-Slalom einer wunderschönen jungen Frau hinterher, hält seine Baggy am Gürtel irgendwo weit unterm Arsch fest und probiert, seine Umhängetasche nicht zu verlieren. Wir haben den Scheiß-Zug ernsthaft noch erwischt. Er hatte wirklich eine kleine Verspätung. Julez ist noch ’ne Station mitgefahren, den Rest des Weges habe ich alleine bestritten.

Ich hab den Artikel über 10 Jahre Deutschrap fertig gelesen. Ein ordentlich angetrunkener Passagier setzt sich zu mir und spricht mich an. Ich käme ihm so bekannt vor. Er hätte mich irgendwo schonmal gesehen. Woher er mich kennen könnte. Ich erzählte, dass ich Musik mache und schon ein paar Videos rausgehauen hab. „Ach ja… du bist aus Bremen.“ Mein Name wollte ihm nicht einfallen, aber als ich „Chrizzo“ sagte, klingelte es. Wir plauderten den Rest der Fahrt und auch am Bahnsteig noch ein wenig über Hiphop, insbesondere über Hiphop in Bremen. Über Künstler und Beef und Diva-Gehabe.

Mit der Buslinie N5 ging es zurück in den Osten Bremens, zurück in mein geliebtes Osterholz. Unterwegs habe ich den Juice-Artikel über den Werdegang von Ice Cube und seine Anfänge mit N.W.A. gelesen. Auch irre interessant, seine großen Tage waren ja lange vor meiner Zeit. Ich kenn einige der Platten, einige Filme, aber von diesem krassen Werdegang wusste ich nichtmal ein Viertel. Noch kurz ’ne Cola bei der Tanke eingesackt und ab nach Hause.

Jetzt sitze ich hier, trink eiskalte Cola, pump das neue Weezy-Album und lass die vergangenen Stunden Revue passieren. Mein Gehör kommt ganz langsam wieder klar und mein Herz ist voller Liebe. 10 Jahre lang, naja, eigentlich sogar 11 Jahre lang liebe ich diesen Scheiß. Zugegeben: Nicht alles, was Hiphop je hervorgebracht hat, hat mir gefallen. Aber an Tagen wie heute bin ich so verdammt glücklich, ein Teil davon zu sein. Als Künstler, aber vor allem als Fan und Hörer. Ich bin dankbar für 10 Jahre Deutschrap-Geschichte, dankbar für die Klassiker von N.W.A. und Ice Cube, ich bin dankbar für die Juice, dankbar für die neuen Künstler, dankbar für den frischen Wind. Ich bin dankbar, dass man mich erkennt, dankbar, dass ich heute ein kleines Bisschen mitgestalten darf, was ich seit über 10 Jahren liebe. Ich bin dankbar, dass wir es als Szene, als Subkultur, als Musikgenre so weit gebracht haben. Und auch wenn ich so manch einen Rapper für einen hängengebliebenen, untalentierten Spasten halte: Ich bin dankbar, dass sie alle da sind wo sie sind und Hiphop in den letzten 10 Jahren interessant und spannend gemacht haben. Danke für alles. Auf die nächsten 10!

Ein Foto von der aktuellen Juice, dem aktuellen Album von Lil Wayne und meiner Armbanduhr

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