Der tragische Fall des Daniel S.

Ich blogge seit einiger Zeit nicht mehr, weil ich dafür kaum noch Zeit finde. Was ich gebloggt habe, waren normalerweise selten Nachrichten, sondern meist eher Beiträge, die primär der Unterhaltung dienen sollten. Heute ist das anders. Heute muss ich mir diese Zeit nehmen. Wie die meisten von euch vermutlich mitbekommen haben, ist im nahgelegenen Ort Weyhe in der Nacht vom 9.3. auf den 10.3. ein 25jähriger Junge brutal zusammengeschlagen worden [1] und an den Folgen dieser Gewalttat gestorben [2]. Die Ermittlungen der Polizei dauern noch an. Bis jetzt scheint es, dass Daniel S. – so hieß der Junge – versucht hat, in einem Bus auf dem Heimweg nach einem Discothekbesuch einen Streit zu schlichten und dabei den Zorn eines der Beteiligten auf sich zog. Was genau in diesem Bus vorgefallen ist, worüber gestritten wurde und wer mit dem Streit angefangen hat, darüber kann man wohl nur spekulieren. Es ist aber eigentlich auch egal: Einen Menschen zu Tode zu prügeln ist falsch, völlig egal was man von jenem Menschen nun persönlich halten mag. Ich kannte Daniel S. nicht, ich kann mir kein Urteil über ihn erlauben, aber ich habe tiefes Mitgefühl für seine Angehörigen und Freunde, denn niemand sollte auf diese Art einen geliebten Menschen verlieren. Der Täter, gegen den nun wegen Mordes ermittelt wird, heißt Cihan. Und damit beginnt das Drama.

Während die kleine Ortschaft Weyhe erschüttert und schockiert den sinnlosen Tod von Daniel S. betrauert, wittern rechtsorientierte Stimmungsmacher eine Gelegenheit zur wilden Hetze gegen „Ausländer“. Ich setze das Wort „Ausländer“ in Anführungszeichen, weil ich es selbst eigentlich mit Absicht nie verwende. Ich bin in Bremen Ost großgeworden, zwischen Alt-Osterholz, Tenever und Blockdiek. Ich bin zwischen vielen verschiedenen Kulturen aufgewachsen, mit Menschen mit Migrationshintergrund, die schon seit einigen Generationen in Deutschland leben und längst mit deutschen Pässen vollständig eingebürgert sind, aber auch mit Menschen, die gerade frisch nach Deutschland gezogen sind. Ich frage mich: Wer ist ein „Ausländer“? Wie lange ist man ein „Ausländer“? Über wieviele Generationen ist man ein „Ausländer“? Ich finde das Wort schlichtweg bescheuert, vor allem in einer multikulturellen Gemeinschaft, wie wir sie hier in Deutschland bereits seit Dekaden pflegen. Und doch komm ich heute nicht daran vorbei, das Wort zu benutzen, immerhin ist die Hetze gegen diese „Ausländer“ das Problem, das mich beschäftigt.

Dabei ist „Ausländer“ garnicht so sehr das Wort, das mir in den letzten Tagen übel aufgestoßen ist. Schockiert hat mich viel mehr, mit welcher Selbstverständlichkeit auf facebook von einer „Türkenbande“, einer „Horde Türken“, einem „türkischen Kopftreter-Rudel“ und „einer Gruppe Türken unter Führung von Cihan A.“ gesprochen wird [3]. Der ohnehin schwachsinnige Trend, auf facebook Bilder mit Botschaften zu teilen, greift auch im Fall von Daniel S. um sich. Mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit vermischen sich hier die ehrliche Trauer von betroffenen Menschen und der opportunistische Einsatz von Alltagsrassismus, vorangetrieben durch eine „Horde“ Rechtsgesinnter. Ohne groß nachzudenken werden auf facebook fleißig Bilder geteilt, auf denen neben Kerzen und Trauerkränzen auch rechte Propaganda zu finden ist. Unter dem Vorwand, Gerechtigkeit für Daniel S. zu fordern, hetzen die Anhänger von rechten, nationalsozialistischen Gruppen mal mehr, mal weniger geschickt gegen „Ausländer“.

Der Wunsch nach härteren Strafen in unserem Justizsystem vermischt sich plötzlich mit dem Verlangen nach Lynchjustiz. Während einige finden, dass bei gewalttätigen Übergriffen von Jugendlichen generell härter durchgegriffen werden muss, propagieren andere die Ausweisung von „Ausländern“. Nicht selten wird dabei das berühmt-berüchtigte Wahlplakat der NPD zitiert, das es sogar zu einer eigenen facebook-Seite geschafft hat [4]: „Ist der Ali kriminell, in die Heimat, aber schnell!“ Unabhängig davon, ob man die Verbannung ins Exil nun als angemessene Strafe betrachten möchte oder nicht, ist der hübsch gereimte Slogan ohnehin schwer umzusetzen. Ist „der Ali“ nämlich ein deutscher Staatsbürger, ist Deutschland seine Heimat. Wohin sollte man ihn ausweisen? In einer öffentlichen Diskussion, an der ich persönlich beteiligt war, verlangte jemand sogar nicht nur die Ausweisung des „Ausländers“ sondern auch seiner gesamten Familie [5]. In einem mittlerweile gelöschten Beitrag der an der Diskussion beteiligten Nicole J. wurde auf den Vorwurf, die rechten würden den Fall des Daniel S. für ihre Zwecke missbrauchen, eloquent reagiert [6]: „Die AUSLÄNDER machen sich diesen schrecklichen Todesfall zu nutze nicht die NAZIS du hirnloses stück scheisse sowas wie dich müsste man verbrennen wie die Juden !!“ Von einer Verschwörung der Regierung und der Medien wird gesprochen, von einer Unterdrückung der Wahrheit über die gescheitere Immigrationspolitik. „Mittlerweile öffnen auch sonst eher unpolitische Deutsche ihre Augen und hinterfragen die gescheiterte Imigrationspolitik, ein in Deutschland geborener TÜRKE ist laut der Politik ein Deutscher!!!“

Das beschauliche Weyhe und insbesondere Freunde und Angehörige von Daniel S. leiden massiv unter der geschmacklosen Welle rechter Propaganda. Eine öffentliche Trauerfeier wurde zu einer farce, weil ein riesiges Polizeiaufgebot nötig war, um die trotz ausgesprochenen Demonstrationsverbotes aufmarschierenden Neonazis von der trauernden Gemeinde fernzuhalten [3,7]. Und selbst dieses Ereignis wird von der rechten Szene rigoros ins falsche Licht gerückt. In einem offensichtlich rechten Blog, den ich hier nur äußerst widerwillig zitiere und verlinke, lautet die provokante Überschrift der „Nachrichtenmeldung“ [8]: „Weyhe – türkisches Kopftreter-Rudel tötet Daniel S[…] – Salafisten beim “bunt” organisierten Gedenken – Polizei muss die Familie bei der Beerdigung vor Türken schützen“

Ich bin wirklich angewidert davon, wie dreist der sinnlose, tragische Tod eines jungen Menschen für rechte Propaganda missbraucht wird. Der Name dieses Jungen fällt plötzlich im Zusammenhang mit Hasstiraden und Parolen, die abstoßender kaum sein könnten. Der tragische Fall des Daniel S. fand kein Ende, als er am 14.3. in einem Krankenhaus in Bremen für tot erklärt wurde. Er wird zu einem grauenvollen Beispiel dafür, wie selbstverständlich wir Alltagsrassismus tolerieren und wie leicht rechte Propaganda sich zwischen die Wut und die Trauer von bewegten Bürgern streuen lässt. Auch ich bin wütend. Aber meine Wut richtet sich nicht gegen Cihan A., obwohl er sie verdient hätte. Meine Wut richtet sich auch nicht gegen die faschistischen Schwachköpfe, die diese tragische Geschichte missbrauchen, um ihre Hassbotschaften unter die Leute zu bringen. Nein, Cihan und die Schwachköpfe machen mich einfach nur traurig. Was mich wirklich wütend macht ist die Selbstverständlichkeit, mit der normale Bürger diese braune Scheiße adaptieren. Es macht mich wütend, dass Leute nicht nachdenken, bevor sie rechte, rassistische Hassbotschaften weiterverbreiten und diesem dreckigen braunen Gesindel in die Hände spielen. Es macht mich wütend, dass Leute nicht ihr gottverdammtes Hirn einschalten, bevor sie auf „teilen“ und „gefällt mir“ klicken und ihre Statusmeldungen nach Aufforderung ändern. Ernsthaft, Leute. Das geht so nicht. Erst denken, dann posten. „Keinen Meter den Nazis“ [9] gilt auch im Internet.

Der Familie und den Freunden von Daniel S. möchte ich an dieser Stelle noch mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Ich kannte den Jungen nicht, von daher kann ich nicht sagen, ob er ein guter Mensch war oder nicht, ob er ein Nazi war, wie im Internet behauptet wird [10] (noch so eine Propagandaseite, die ich nur widerwillig zitiere und verlinke), oder nicht. So oder so bedauere ich, was dem Jungen passiert ist und ich wünsche der Familie und den Freunden von Daniel S., dass sie diese schwere Zeit irgendwie überstehen.

Den Rest von euch kann ich nur zum Nachdenken auffordern. Wenigstens ein Bisschen. Danke für die Aufmerksamkeit.

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  1. Chrizzo & Kando - Bremens finest in rap music - [...] leid. Ich habs gerade nachgeholt. Außerdem möchte ich mich für den regen Zuspruch für meinen Blogeintrag der letzten Woche…

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